EU T+1: Von der Roadmap zur Umsetzung
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Warum 2026 ein entscheidendes Jahr ist
Im Sommer 2025 veröffentlichte das EU T+1 Industry Committee seine High-Level Roadmap mit Empfehlungen zur Unterstützung des Übergangs von T+2 auf T+1 in der Wertpapierabwicklung in den Märkten der EU/des EWR bis zum 11. Oktober 2027. Seitdem hat sich der Fokus von der grundsätzlichen Einordnung von T+1 hin zur Klärung von Verantwortlichkeiten und Zeitplänen verschoben. Zwei Meilensteine markieren diesen Übergang: das Fortschrittsupdate des EU T+1 Industry Committee vom Dezember 2025 sowie die Veröffentlichung des EU T+1 Implementation Handbook und der Ergebnisse der EU T+1 Industry Committee Readiness Survey im Februar 2026. Dieser Beitrag fasst die jüngsten Entwicklungen zusammen, beleuchtet zentrale Erkenntnisse zur Readiness und skizziert, wie „guter Fortschritt“ bis Ende 2026 aussehen sollte.
Sommer 2025: Die Roadmap setzte das Ziel – und die Spielregeln
Die High-Level Roadmap (30. Juni 2025) schuf in zwei wesentlichen Punkten Klarheit:
- Sie bestätigte den Zieltermin für die Umsetzung: 11. Oktober 2027.
- Sie übersetzte „T+1“ in ein strukturiertes Set an Empfehlungen über den gesamten Trade Lifecycle hinweg – nach dem Prinzip „adhere or explain“. Diese Empfehlungen sind zwar nicht rechtsverbindlich, dienen jedoch als Referenz für die Transition-Planung.
Unser Blogbeitrag aus dem Sommer 2025 hob den Fokus der Roadmap auf einen standardisierten operativen Zeitplan sowie die Notwendigkeit von Automatisierung, Standardisierung und unternehmensübergreifender Koordination hervor – vor dem Hintergrund der Komplexität der europäischen Post-Trade-Landschaft. Diese Perspektive bleibt relevant. Gleichzeitig ist die Dringlichkeit gestiegen: 2026 gilt inzwischen weithin als das Jahr, in dem Institute vom reinen Bewusstsein in eine finanzierte, Governance-gestützte Umsetzung wechseln müssen.
Rückblick: Was bisher passiert ist (Update Dezember 2025)
In seinem Fortschrittsupdate vom Dezember 2025 bestätigte das EU T+1 Industry Committee, dass die Governance-Struktur und die zentralen Workstreams für die Transition nun etabliert sind (z. B. Task Forces, Testing-Stream, zentraler Informations-Hub):
- High-Level Roadmap veröffentlicht (30. Juni 2025) und Konsultationsphase durchgeführt (bis 31. August 2025).
- Eine dedizierte Website (eu-t1) wurde gestartet und dient als zentraler Hub für FAQs und Ressourcen.
- Drei Task Forces wurden eingerichtet, um Themen mit weiterem Analysebedarf zu bearbeiten: Standing Settlement Instructions (SSIs), Partial Settlement und SFT Settlement Optimisation.
- Eine Testing Task Force wurde etabliert, um – soweit möglich – eine Abstimmung mit UK- und Schweizer Initiativen zu erreichen.
Auf Ebene der öffentlichen Institutionen zeigen die von ESMA moderierten Diskussionen im Coordination Committee im Dezember 2025 zudem, dass wesentliche Abhängigkeiten parallel adressiert werden:
- Ein Vertreter der Europäischen Kommission äußerte die Erwartung, dass die RTS zur Settlement Discipline im 1. Quartal 2026 verabschiedet werden könnten.
- ECB/T2S gab Updates zu den Vorbereitungen (u. a. Arbeiten zur Verschiebung des Starts des Night-Time Settlement Cycle auf 00:00 CET und Prüfung eines späteren DvP-Cut-offs) sowie zu laufenden Arbeiten an Anforderungen zur SFT-Optimierung.
- Das Industry Committee signalisierte die Absicht, eine Testmethodik im 1. Quartal 2026 bereitzustellen und auf gemeinsame Testfenster für 2027 über EU/UK/Schweiz hinweg hinzuarbeiten (mit lokalen Anpassungen).
Insgesamt ist das Programm damit von der Planung in die Umsetzung übergegangen. Marktteilnehmer können Entscheidungen und Maßnahmen daher nicht länger mit fehlender Klarheit aufschieben.
Umfrageergebnisse: Was uns die Readiness Survey zeigt
Die EU T+1 Industry Committee Readiness Survey liefert bislang den umfassendsten Überblick darüber, wie sich Organisationen entlang des gesamten Lifecycles auf T+1 vorbereiten. Die Kernaussagen sind eindeutig:
- Engagement ist hoch, aber nicht flächendeckend: 77 % der an der Umfrage teilnehmenden Institute berichten über eine aktive Beschäftigung mit T+1 in Europa, während 23 % die High-Level Roadmap noch nicht geprüft haben.
- Die Planung bleibt ein Engpass: Nur 27 % verfügen über einen formalen Implementierungsplan, und 53 % erwarten, ihren Plan 2026 zu entwickeln.
- Die Umsetzung hat begonnen, der Fortschritt ist jedoch moderat: Umfrageteilnehmer berichten, dass bislang nur 30 % der Roadmap-Empfehlungen bereits umgesetzt sind.
- IT-Dienstleister stellen ein erhebliches Risiko dar: 69 % haben ihre IT-Provider im Kontext T+1 noch nicht eingebunden. Unter kleineren Instituten hat dies bislang nur jedes vierte getan.
- Die T+0-Disziplin bleibt herausfordernd: 56 % der Befragten könnten bis Ende 2026 bei der Übermittlung von Allokationen und Bestätigungen am Handelstag verspätet sein.
Diese Zahlen zeigen, warum „time to act is now“ kein Slogan ist – sondern Mathematik. Wenn der Plan lautet, erst 2027 ernsthaft zu starten, ist das keine Planung, sondern Hoffnung.
Asset Manager liegen weiterhin spürbar zurück
Die Umfragedaten stützen zudem einen Punkt, den viele Praktiker bislang leise (und inzwischen weniger leise) formuliert haben: Asset Manager liegen bei der formalen Planung hinter Marktinfrastrukturen und großen Sell-Side-/Custody-Akteuren zurück. Unter Asset-/Investment-Managern geben nur 19 % an, bereits einen formalen Plan zu haben (gegenüber 38 % bei Custodians/Settlement Agents und 53 % bei CSDs). Die Mehrheit der Asset Manager (59 %) erwartet, ihren Plan 2026 zu entwickeln. Das ist relevant, weil bei Asset Managern mehrere T+1-Reibungspunkte zusammenlaufen: Disziplin bei Allokation/Bestätigung, FX-Funding und Liquidity-Timing, Fondshandelszyklen und NAV-Prozesse sowie (bei ETFs) Mechaniken für Creation/Redemption. Hinzu kommt eine Risikoperspektive: 35 % der Befragten sehen potenzielle Long-Cash-Breaches als kritisches Thema, und 39 % der Asset Manager erwarten unter T+1 – bei heutigen Rahmenbedingungen – Cash-Breaches mindestens einmal pro Woche.
Ausblick 2026: Wie „guter Fortschritt“ bis Jahresende aussehen sollte
Auf Basis der Programm-Updates vom Dezember 2025 und der Umfrageergebnisse sind vier Prioritäten für 2026 wesentlich.
- Eine gesteuerte Umsetzung etablieren: End-to-End-Scope, Verantwortlichkeiten/Entscheidungsrechte, an den Marktzeitplan (inkl. Tests 2027) gekoppelte Meilensteine sowie ein realistisches Budget definieren.
- IT-Dienstleister und Ökosystempartner frühzeitig einbinden: Zentrale Abhängigkeiten und operative Annahmen mit Custodians, CSDs/SSSs, Matching Utilities und FX-Providern bestätigen; Datenstandards, Verantwortlichkeiten und kritische Cut-off-Zeiten abstimmen.
- T+0-Disziplin stärken und Automatisierung dort priorisieren, wo sie operatives Risiko reduziert: Allokationen/Bestätigungen, Exception Handling und STP-Quote durch gezielte Datenqualitäts- und SSI-Maßnahmen verbessern.
- Tests frühzeitig vorbereiten: Interne Dry-Runs und Testszenarien früh aufsetzen, damit branchenweite Tests 2027 die Readiness bestätigen – statt grundlegende Designlücken erst dann sichtbar zu machen.
Zusammenfassung des Handbooks: Wesentliche Ergänzungen zur Roadmap
Am 3. Februar 2026 veröffentlichte das Industry Committee das EU T+1 Securities Settlement Handbook als pragmatische Ergänzung zur High-Level Roadmap. Auf hoher Ebene:
- Es übersetzt „Empfehlungen“ in operative Umsetzungshinweise über den Lifecycle hinweg: Roadmap-Empfehlungen werden in anwendungsnähere Guidance überführt – von Trading, Matching/Confirmation und Clearing über Settlement und Asset Management bis zu FX, Corporate Events und SFT-Aspekten.
- Es adressiert die Komplexität der EU explizit: Es berücksichtigt die Multi-Markt-, Multi-CSD- und Multi-Währungs-Realität in Europa und unterstützt die Umsetzung daher über beispielbasierte Guidance und Best Practices statt über einen One-Size-Fits-All-Ansatz.
- Es hebt praktische STP-Enabler hervor, die Institute priorisieren sollten: Es unterstreicht, dass Standardisierung, Automatisierung, Datenqualität und diszipliniertes Exception Handling entscheidend sind, um unter verkürzten Zeitfenstern effektiv zu operieren.
Die nächsten Schritte
Als pragmatische Checkliste unterscheiden folgende Schritte proaktive Institute von Nachzüglern:
- Ist-Stand gegenüber dem operativen Zeitplan und den Roadmap-Empfehlungen bewerten (Prozesse, Daten, IT und Governance).
- Umsetzungsplan 2026 finalisieren (Scope, Verantwortliche, Budget, Meilensteine, Vendor-Abhängigkeiten).
- T+0-Disziplin priorisieren (Allokation/Bestätigung, Übermittlung von Settlement Instructions, Exception Management).
- Ökosystem-Readiness nicht dem Zufall überlassen: Bilaterale Abstimmung zu Cut-offs und SLAs jetzt mit Custodians, CSDs/SSSs, Transfer Agents und FX-Providern starten.
- Interne Tests früh planen, damit branchenweite Tests 2027 die Readiness bestätigen und nicht grundlegende Lücken offenlegen.
Haben Sie Fragen zum Übergang auf T+1 Settlement oder möchten Sie die Implikationen für Ihr Institut diskutieren (z. B. T+0 Allokationen/Bestätigungen, Vendor Readiness, Datenqualität/STP, Cut-offs, FXFunding oder Testvorbereitung)? Sprechen Sie uns gerne an — wir unterstützen mit einem strukturierten Readiness und GapAssessment sowie praxisnaher Umsetzungsbegleitung.
Ansprechperson: Heiko Christmann
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Laufende Updates zum Thema erhalten Sie über das regulatorische Horizon Scanning in unserer Recherche-Applikation PwC Plus. Lesen Sie hier mehr über die Möglichkeiten und Angebote. |
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