Wie Klimarisiken die Versicherbarkeit gefährden

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Als Teil unserer Interview-Blogreihe „Die Rolle des Finanzsektors in der Nachhaltigkeitstransformation“ habe ich Jörg Asmussen, Hauptgeschäftsführer, GDV interviewt.

Am 30.03 ist unser Whitepaper „Innovation und Resilienz: Die Rolle des Finanzsektors in der Nachhaltigkeitstransformation“ veröffentlicht worden. Im Rahmen der Erstellung haben wir zahlreiche Expert:innen-Interviews geführt, um unterschiedliche Perspektiven aus der Branche einzufangen. Diese wertvollen Einblicke möchten wir in einer begleitenden Interview-Blogreihe teilen und damit einen tieferen Blick hinter die Rolle von Finanzunternehmen als Kapitalgeber, Investor, Risikomanager, Innovationstreiber und Berater ihrer Kunden bei der Transformation ermöglichen.

Im Interview betont Jörg Asmussen, dass steigende Klimarisiken und fehlende Prävention die Versicherbarkeit ganzer Regionen gefährden können.

Wo sehen Sie die Rolle des Finanzsektors in der Nachhaltigkeitstransformation?

Versicherer sind als langfristige Investoren verlässliche Kapitalgeber für die Finanzierung von Transformationsprojekten der Unternehmen, von Immobilien, von Banken und öffentlicher Hand. Knapp 10 % der Kapitalanlagen in Höhe von rund 1,9 Billionen Euro sind heute in nachhaltige Anlagen im Sinne der EU-Offenlegungsverordnung investiert – Tendenz steigend. Marktweit streben Versicherer die Dekarbonisierung ihrer Portfolios im Einklang mit den Pariser Klimazielen an und kommen dabei gut voran. Zwischen 2021 und 2024 verzeichnen die Versicherer einen Rückgang der finanzierten Emissionen um 27 %.

Es gibt außerdem zahlreiche Beispiele, wie der Versicherungssektor Nachhaltigkeit auf der Passivseite angeht: Zwei Drittel des Kompositmarktes bieten inzwischen Prämiennachlässe an, wenn Versicherungsnehmer nachhaltig handeln. In der Gebäudeversicherung kann die Übernahme von Mehrkosten für baubiologische Baustoffe vereinbart werden und in der Kfz-Versicherung wird beispielsweise geschaut, dass mehr repariert wird, statt neue Teile zu verbauen.  
 
Über welche Kanäle, Produkte und Dienstleistungen können Finanzunternehmen (Banken, Versicherer, Asset Manager) ihren Kunden und Geschäftspartnern ihre Risikoexpertise für die Nachhaltigkeitstransformation zur Verfügung stellen?

Risikomanagement ist die Kernkompetenz der Versicherer, wir nutzen daher unser gesamtes Spektrum: Aktiv- und Passivseite, die Beratung von Unternehmen, Haushalten und öffentlicher Hand. Zentral ist für mich derzeit, dass wir den Schutz vor Naturgefahren voranbringen. Im Global Risk Report ist dieses Risiko seit Jahren auf Platz 1 der Langfristrisiken. Wir brauchen ein Sicherungssystem, das dauerhaft funktioniert: fair für Hauseigentümer, stabil für den Markt und tragfähig für die öffentliche Hand.

Mehr als 400.000 Wohngebäude in Deutschland liegen in Gebieten, in denen risikogerechte Prämien für Hausbesitzer schwer zu stemmen wären. Die Versicherer haben daher „Elementar Re“ vorgeschlagen, eine Rückversicherungslösung, die diese Hochrisikogebäude bündelt und so auch in extremen Risikolagen weiterhin Versicherungsschutz und bezahlbare Prämien ermöglicht. Aber klar ist auch: Versicherung allein reicht nicht. Ohne konsequente Prävention werden die Risiken und damit die Schäden weiter steigen – und das gefährdet das ganze System. Die Entwicklungen in Kalifornien zeigen, wie schnell eine Abwärtsspirale entstehen kann. Am Ende steht die Versicherbarkeit auf dem Spiel. 
 
Welche Rollen spielen aus Ihrer Sicht transparente Transitionspläne von Finanz- und Industrieunternehmen für Planungssicherheit und erhöhte Wettbewerbsfähigkeit von Finanzinstituten?

Da die Verpflichtung zu Transitionsplänen im Rahmen der CSDDD entfallen ist, können Unternehmen jetzt sehr pragmatisch mit dem Thema umgehen. Wir wissen aus unserer aktuellen Nachhaltigkeitsumfrage, dass 46 % des Versicherungsmarktes einen Transitionsplan erstellt haben.

Welche Chancen sehen Sie für den Finanzsektor bei innovativen, klimafreundlichen Produkten und Dienstleistungen?

Neue Technologien, wie Künstliche Intelligenz, können dazu führen, dass Risiken versicherbar werden, die bisher zu riskant oder schwer kalkulierbar waren.  Nachhaltige Innovationen entstehen oftmals, wenn neue Einsatzmöglichkeiten für bestehende Technologien gefunden werden und sich Akteure neu zusammensetzen. Versicherer können sich hier mit wertvoller Expertise zur Schadenverhütung einbringen und schnelle sowie sichere Versicherungslösungen für innovative Projekte entwickeln.

Einen wichtigen Beitrag können die Versicherer zudem bei innovativen Finanzierungsformen im Rahmen von Public-Private-Partnerships für Infrastruktur, Wärme- und Mobilitätswende leisten. Versicherer haben umfassende Erfahrung in der Finanzierung von Infrastruktur. Hier könnte mit Hilfe von kooperativen Partnerschaftsmodellen sowie von Förder- und Garantieinstrumenten mehr privates Kapital für nachhaltige Infrastrukturprojekte mobilisiert werden.  

Weiterführende Links:

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Christoph Schellhas

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