ESG-Daten im Griff: Vom regulatorischen Labyrinth zum gemeinsamen Datenfundament
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Viele Unternehmen bauen für jede ESG-Regulierung eine eigene Datenwelt auf. Dabei liegt die Lösung oft schon im eigenen System. Warum ein Umdenken beim Thema ERP überfällig ist und wo der Hebel wirklich liegt.
CSRD, Lieferkettengesetzgebung, CBAM oder digitaler Produktpass – die regulatorischen Anforderungen im ESG-Bereich wachsen rasant. Viele Unternehmen reagieren darauf mit individuellen Lösungen für jede einzelne Anforderung und schaffen so ungewollt Datensilos und Parallelprozesse. Doch ein Großteil der benötigten ESG-Daten existiert bereits heute. Die entscheidende Frage ist daher nicht nur: Welche Daten fehlen? Sondern: Wie lassen sich die vorhandenen Daten systematisch und regulierungsübergreifend nutzen und in die Unternehmenssteuerung integrieren?
Mehr Rahmenwerke, mehr Datenanforderungen
Die regulatorische ESG-Landschaft entwickelt sich derzeit in einer Geschwindigkeit, die viele Unternehmen vor Herausforderungen stellt. Seit dem Jahr 2000 ist die Zahl globaler ESG-Regulierungen um rund 696 % gestiegen (Quelle: ESG Book's Reporting Exchange by WBCSD, 2025).
Was zunächst nach einer rein regulatorischen Entwicklung klingt, hat sehr konkrete Auswirkungen auf die Praxis: Unternehmen müssen immer mehr ESG-Kennzahlen erheben, dokumentieren und berichten.
Dabei betrifft ESG längst nicht mehr nur Nachhaltigkeitsabteilungen. Reporting, Finance, Einkauf, Produktion und IT sind gleichermaßen involviert. Nachhaltigkeit wird damit zu einem unternehmensweiten Datenthema.
Viele Unternehmen reagieren auf diese Entwicklung mit neuen Tools oder separaten Datensystemen für einzelne Regulierungen. Doch genau hier entsteht häufig ein strukturelles Problem: Die Datenanforderungen werden isoliert betrachtet – obwohl sie in der praktischen Umsetzung stark ineinandergreifen.
Unterschiedliche Regulierungen, gleiche Datenbasis
Auf den ersten Blick wirken viele ESG-Datenanforderungen unabhängig voneinander. In der praktischen Umsetzung zeigt sich jedoch ein anderes Bild: Viele dieser KPIs basieren auf denselben zugrunde liegenden Datenpunkten. Das bedeutet: Unternehmen müssen dieselben Daten nicht mehrfach erzeugen, sie müssen sie einmal sauber strukturiert verfügbar machen.
Genau hier kommt das ERP-System ins Spiel, das in ESG-Diskussionen häufig unterschätzt wird. In vielen Unternehmen laufen hier bereits eine Vielzahl an relevanten Daten zusammen.
Diese Daten bilden die Grundlage für zahlreiche ESG-relevante Kennzahlen. Das bedeutet nicht, dass alle ESG-Daten automatisch im ERP vorhanden sind. Für einige Anforderungen, wie bspw. Geolokationsdaten, Biodiversitätsdaten oder Scope-3-Emissionen, werden weiterhin externe Quellen benötigt.
Dennoch zeigt sich in der Praxis immer wieder: Ein Teil der benötigten ESG-Daten existiert oftmals bereits im ERP-System.
Dabei lassen sich ESG-Anforderungen grob in vier Themencluster einordnen, die in der Praxis eng miteinander verzahnt sind:
- Reporting (z. B. CSRD, ESRS)
- Klima (z. B. GHG Protocol, SBTi, CBAM)
- Supply Chain (z. B. EUDR, CSDDD)
- Produkt (z. B. ESPR, Digital Product Passport)
Diese Cluster wirken auf den ersten Blick getrennt, greifen jedoch datenlogisch ineinander und führen oftmals auf dieselben zentralen Datenobjekte im Unternehmen zurück.
Drei typische Herausforderungen in der Praxis
In der Praxis begegnen uns drei wiederkehrende Herausforderungen:
- Verfügbarkeit: Viele Unternehmen wissen nicht genau, welches System oder welches Feld den benötigten Datenpunkt liefert.
- Datenqualität: Ein Datenfeld existiert zwar – ist aber nicht konsistent gepflegt oder ausreichend aktuell.
- Skalierung: Unternehmen fehlt ein regulierungsübergreifendes Datenkonzept, das als gemeinsame Grundlage dienen kann.
Die Folge: ESG-Daten werden aufwendig zusammengetragen, Berichtsprozesse werden komplexer und Vertrauen in die Datenbasis sinkt. Schlechte ESG-Daten kosten damit nicht nur Zeit, sondern auch Geld und Glaubwürdigkeit.
ESG-Datenmanagement beginnt mit Transparenz
Um das ERP-System tatsächlich als ESG-Datenfundament zu nutzen, braucht es einen strukturierten Ansatz.
Ein erster Schritt besteht darin, Transparenz zu schaffen:
- Welche ESG-Regulierungen sind für mein Unternehmen relevant?
- Welche Datenpunkte werden dafür benötigt?
- Und wo liegen diese Daten heute bereits im System?
Darauf aufbauend können Unternehmen die Qualität ihrer Daten bewerten, Lücken identifizieren und gezielte Maßnahmen ableiten – etwa durch Anpassungen im Datenmodell, klare Verantwortlichkeiten oder neue Prozesse zur Datenpflege.
Besonders sinnvoll ist es, solche Fragen im Rahmen größerer ERP-Transformationen – etwa einer S/4HANA-Migration – mitzudenken. Denn nachträgliche Anpassungen sind häufig deutlich aufwendiger.
Vom regulatorischen KPI zum ERP-Feld: Beispiel Materialstamm
Die Frage, wie stark sich unterschiedliche ESG-Anforderungen auf gemeinsame Daten zurückführen lassen, zeigt sich besonders deutlich in der Praxis. Nehmen wir ein konkretes Beispiel: Ein Unternehmen muss gleichzeitig Anforderungen aus der CSRD, CBAM und der Lieferkettengesetzgebung erfüllen. Auf den ersten Blick wirken diese Anforderungen unterschiedlich. Doch die zentrale Frage lautet eigentlich: Müssen diese Daten jeweils separat erhoben werden? Die Antwort ist in einigen Fällen: nein.
Ein Großteil dieser Informationen läuft im ERP-System auf ein zentrales Datenobjekt hinaus, beispielsweise den Materialstamm. Dort sind häufig bereits heute zentrale Informationen hinterlegt, wie:
- Materialart und Warengruppe (z. B. Rohstoff, Fertigprodukt)
- Herkunftsland
- Gewicht und Mengeneinheit
- Lieferantenzuordnung
- Stücklisten und Materialzusammensetzung
Aus diesen wenigen, aber zentralen Datenfeldern lassen sich eine Vielzahl regulatorischer KPIs ableiten – über Reporting-, Klima-, Supply-Chain- und Produktanforderungen hinweg.
Der entscheidende Punkt ist daher: Nicht jede Regulierung braucht neue Daten – sie braucht Zugriff auf die richtigen bestehenden Daten.
Vom Datenfundament zur Unternehmenssteuerung
Eine konsistente ESG-Datenbasis im ERP ist jedoch kein Selbstzweck. Ihr eigentlicher Wert entsteht erst dann, wenn sie in die Unternehmenssteuerung integriert wird.
Auf dieser Grundlage können ESG-Kennzahlen mit finanziellen Größen wie Umsatz, CapEx oder OpEx verknüpft werden. Dadurch entsteht die Brücke zum Enterprise Performance Management:
- ESG-KPIs werden Teil der Steuerungslogik
- Nachhaltigkeitsziele werden messbar und steuerbar
- Zielkonflikte (z. B. Kosten vs. Nachhaltigkeit) werden transparent
So wird aus isoliertem ESG-Reporting eine integrierte, wertorientierte Steuerung.
Ein Beispiel aus der Praxis: Wenn ein signifikanter Anteil des Einkaufsvolumens nicht EUDR-konform ist, kann dies nicht nur ein Reporting-Thema sein, sondern eine konkrete Steuerungsentscheidung auslösen, etwa die Anpassung des Lieferantenportfolios unter Berücksichtigung von Kosten- und Risikoeffekten.
Austausch aus der Praxis: ESG Tech Summit in Berlin
Wie relevant dieses Thema aktuell ist, wurde auch beim ESG Tech Summit an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin deutlich.
Dort hatten wir die Gelegenheit, gemeinsam über die Frage zu diskutieren: Wie bekommen Unternehmen ihre ESG-Daten wirklich in den Griff – und welche Rolle spielt dabei das ERP-System?
Die Diskussionen mit Expertinnen und Experten aus Nachhaltigkeit, Finance, Reporting und IT haben gezeigt, dass viele Organisationen vor ähnlichen Herausforderungen stehen. Gleichzeitig wurde deutlich, wie groß das Interesse an praktikablen Lösungen ist.
Fazit: Zusammendenken statt Einzellösungen
Die Anzahl an ESG-Steuerungs- und Regulierungsrahmen wird weiter zunehmen – und damit auch die Anforderungen an Unternehmensdaten. Statt für jede neue Anforderung eigene Datenprozesse aufzubauen, lohnt sich ein Blick auf die bestehende Systemlandschaft. Wer ESG-Datenqualität, Stammdatenmanagement und ERP-Transformation zusammendenkt, schafft ein belastbares Fundament – nicht nur für Reporting, sondern für eine integrierte Unternehmenssteuerung.
Weiterführende Links:
- Sustainability Technologien: So begegnen Sie wachsender Regulatorik im Bereich Nachhaltigkeit und schaffen nachhaltige ökonomische Mehrwerte
- ERP-basiertes ESG-Datenmanagement
- Worauf es bei der Auswahl ankommt: Technologien für die ESG-Berichterstattung
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Laufende Updates zum Thema erhalten Sie über das regulatorische Horizon Scanning in unserer Recherche-Applikation PwC Plus. Lesen Sie hier mehr über die Möglichkeiten und Angebote. |
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