Doppelte Materialität – Mehr als eine regulatorische Pflichtaufgabe

Chancen einer modernen Nachhaltigkeitsberichterstattung

Der Green Deal und die Sustainable Finance Agenda der EU zeigen konkrete Auswirkungen: Mit ihnen kommt eine neue erweiterte EU-Berichtspflicht, welche die sogenannte doppelte Materialität in den Fokus der Nachhaltigkeitsberichterstattung rückt. Noch nie oder nur am Rande gehört? Im folgenden Text erkläre ich was dahinter steckt, warum sie wichtig ist, wie sie umgesetzt werden kann und welche Chancen darin liegen.

Im Rahmen des Green Deal und der Sustainable Finance Agenda hat die Europäische Union (EU) die Berichtspflichten für Unternehmen geändert. Der erstmals im April 2021 von der EU-Kommission vorgelegte Entwurf zur Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) weicht hinsichtlich Umfang und Ausgestaltung deutlich von den bisherigen Vorstellungen der Nachhaltigkeitsberichterstattung ab, obwohl auf zahlreiche bekannte und etablierte Standards wie GRI, TCFD und SASB referenziert wird. Ende Juni wurde eine vorläufige politische Einigung zur CSRD erreicht, die den Weg für eine verbindliche Anwendung der European Sustainability Reporting Standards (ESRS) frei macht. Das erste Normenpaket soll bis November 2022 verabschiedet werden.

Die neue CSRD folgt dabei einer doppelten Wesentlichkeitsperspektive bzw. auch doppelten Materialität („Double Materiality“). Von dieser erweiterten EU-Berichtspflicht sollten europaweit annähernd 50.000 Unternehmen betroffen sein.

Doppelte Materialität bedeutet, dass Unternehmen Nachhaltigkeitsaspekte aus zwei Perspektiven betrachten. Diese Blickwinkel bilden die Basis für die Ableitung der strategisch relevanten Nachhaltigkeitsthemen und der Berichtspflichten.

Die eine Perspektive ist die sogenannte Outside In-Perspektive. Hier müssen Unternehmen betrachten, welche Auswirkungen Nachhaltigkeitsfaktoren wie z. B. der Klimawandel oder Biodiversität auf den Unternehmenserfolg und künftige Cashflows haben. Alles, was den Unternehmenswert beeinflusst, ist zu berücksichtigen.

Die andere Perspektive ist die sogenannte Inside Out-Perspektive. Aus dieser sollen Unternehmen betrachten, welche Auswirkungen das unternehmerische Handeln auf andere, d.h. auf Menschen, Gesellschaft und Umwelt hat.

Schauen wir uns die Perspektiven praxisnah und konkret am Beispiel eines pharmazeutischen Konzerns an, der Medikamente herstellt und sich auf das Thema Biodiversität konzentrieren möchte.

In der Outside In-Perspektive betrachtet das Unternehmen einen möglichen Biodiversitätsverlust. Heißt: Ist es möglich, dass durch die Zerstörung von speziellen Ökosystemen bestimmte Rohstoffe (Pflanzen) nicht mehr zur Verfügung stehen, die für die Medikamentenproduktion benötigt werden? Die aus dieser Perspektive betrachteten Faktoren können also einen direkten Einfluss auf das Geschäftsmodell und die Fähigkeit des Unternehmens, künftige Cashflows zu erzielen, haben.

Auf der anderen Seite wirkt der Pharmahersteller als Unternehmen auf die Umwelt ein, beispielsweise durch produktions- bzw. medikamentenbedingte Rückstände im Wasser. Und das sind genau die beiden Perspektiven, die man bei der doppelten Wesentlichkeit betrachtet.

Kurz gesagt: Bis jetzt wurde eine strikte und eher kurzfristig orientierte finanzielle Materialität als Maßstab genutzt. D.h. ein Thema, das signifikante Auswirkungen auf Dritte hat, z.B. mangelhaftes Chemikalienmanagement in der Textilherstellung, wurde nicht zu einem berichtspflichtigen Aspekt, wenn damit keine wesentlichen finanziellen Auswirkungen für das Unternehmen verbunden waren. Das Prinzip der doppelten Materialität "korrigiert" diese einseitige Berichterstattung.

Wo bekomme ich als Unternehmen die Daten her?

Aufgrund der Vielzahl von wissenschaftlichen Analyseansätzen und Datenpunkten gibt es keine Pauschalantwort. Global agierende Konzerne beginnen beispielsweise damit, eine Wesentlichkeitsanalyse mithilfe einer Impact-Bewertung durchzuführen. Diese durchlaufen entsprechend der EU-Vorgaben die gesamte Wertschöpfungskette. Hier werden unter anderem Datenpunkte zu Materialflüssen oder Asset-Strukturen verwendet, um die Auswirkungen zu quantifizieren. Eine andere, pragmatischere Herangehensweise können qualitative Analysen mithilfe eigener Expert:innen sein. So weiß beispielsweise ein Textilunternehmen bereits, wieviel Prozent seiner Materialien aus Seide, Baumwolle, Polyester oder Ähnlichem bestehen und wo bestimmte Risiken in puncto Umwelt oder Verletzung von Menschenrechten bestehen.

Daneben gibt es noch viele weitere Werkzeuge und Methoden, um sich der Datenerhebung zu nähern. Auch Beratungsgesellschaften wie PwC haben eigene Ansätze entwickelt. Wie hoch der Aufwand ausfällt, hängt stark vom jeweiligen Unternehmen und dem Tätigkeitsfeld ab.

Wie fange ich als Unternehmen an?

Mit Blick auf den neuen europäischen Standard ist das Verständnis der Lieferkette ein entscheidender Punkt im Rahmen der Wesentlichkeitsanalyse. Im Grunde genommen ist es wichtig, dass man bei dieser Betrachtung möglichst systematisch anfängt. Dabei hilft zum Beispiel eine Heatmap, mit dessen Hilfe Unternehmen ihre gesamte(n) Wertschöpfungskette(n) betrachten können: Beginnend mit den sogenannten sektor-agnostischen Themen wie Klimawandel, Umweltverschmutzung oder Biodiversität bis hin zu unternehmensspezifischen Themen.

Darüber hinaus gibt es noch die quantitative Impact-Analyse, welche Aussagen über die Auswirkungen der Unternehmensaktivitäten auf quantitative Daten stützt. Flankiert werden diese durch Medienanalyse und Social Media Screenings, aber auch durch Workshops innerhalb des Unternehmens, in denen die Ergebnisse präsentiert und reflektiert werden. Zudem werden dabei wesentliche Stakeholder einbezogen. Dies kann durch Massenbefragung und/oder auch durch Expert:inneninterviews erfolgen, die dann abermals beim Validieren der Ergebnisse helfen.

Fazit

Zugegeben, das klingt alles aufwendig und ist es auch. Dennoch ist es aus gesellschaftlicher Sicht wichtig, dass man sich intensiver mit sämtlichen wesentlichen Auswirkungen auf Gesellschaft und Umwelt auseinandersetzt. Unternehmen sollten sich motivieren, dies nicht nur als große regulatorische Pflichtaufgabe zu sehen. Es ist vielmehr eine Übung, die die Zukunftsfähigkeit stärkt, die Abhängigkeit des eigenen Geschäftsmodells von bestimmten Themen stark verdeutlicht und gute strategische Impulse geben kann.

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Nicolette Behncke

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