Biodiversitätsverlust als systemisches Risiko für Unternehmen und Finanzinstitutionen
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Als Teil unserer Interview-Blogreihe „Die Rolle des Finanzsektors in der Nachhaltigkeitstransformation“ habe ich Verena Menne, Hauptgeschäftsführerin, FNG interviewt.
Am 30.03 ist unser Whitepaper „Innovation und Resilienz: Die Rolle des Finanzsektors in der Nachhaltigkeitstransformation“ veröffentlicht worden. Im Rahmen der Erstellung haben wir zahlreiche Expert:innen-Interviews geführt, um unterschiedliche Perspektiven aus der Branche einzufangen. Diese wertvollen Einblicke möchten wir in einer begleitenden Interview-Blogreihe teilen und damit einen tieferen Blick hinter die Rolle von Finanzunternehmen als Kapitalgeber, Investor, Risikomanager, Innovationstreiber und Berater ihrer Kunden bei der Transformation ermöglichen.
Im Interview betont Verena Menne, dass Biodiversität neben dem Klimawandel als gleichwertiges, eigenständiges Risikothema behandelt werden muss – und nicht als Nebensache.
Wo sehen Sie die Rolle des Finanzsektors in der Nachhaltigkeitstransformation?
Aus Sicht des FNG – Forum Nachhaltige Geldanlagen e.V. - kommt dem Finanzsektor eine Schlüsselrolle in der Nachhaltigkeitstransformation von Wirtschaft und Gesellschaft zu. Finanzmärkte entscheiden maßgeblich darüber, welche Geschäftsmodelle wachsen, welche Innovationen skaliert werden und welche Strukturen langfristig bestehen bleiben. Kapitalflüsse sind damit ein zentraler Hebel, um die sozial-ökologische Transformation der Realwirtschaft zu ermöglichen.
Neben diesem Hebel müssen aber auch weitere betätigt werden: öffentliche Anlagen sollten auf ihre Nachhaltigkeit geprüft werden, darüber hinaus spielen auch Investitionen wie das Sondervermögen eine Rolle und nicht zuletzt die direkte Regulierung von wirtschaftlichen Tätigkeiten.
Über welche Kanäle, Produkte und Dienstleistungen können Finanzunternehmen (Banken, Versicherer, Asset Manager) ihren Kunden und Geschäftspartnern ihre Risikoexpertise für die Nachhaltigkeitstransformation zur Verfügung stellen?
Finanzunternehmen verfügen über umfangreiche Risiko- und Analysekompetenzen, die für die Nachhaltigkeitstransformation von hoher Relevanz sind. Diese Expertise kann über verschiedene Kanäle, Produkte und Dienstleistungen an Geschäftspartner weitergegeben werden: Banken können nachhaltige Kredite anbieten, die bei der Erfüllung von festgelegten KPIs günstigere Konditionen haben als Standardkredite. Asset Manager können Engagement betreiben um zum Beispiel gemeinsam mit dem Unternehmen daran zu arbeiten, ressourcenschonender zu produzieren.
Aus Investor:innenperspektive ist für uns im FNG die Transparenz der Finanzprodukte sehr wichtig. Die FNG-Siegel sind die SRI-Qualitätsstandards auf dem deutschsprachigen Finanzmarkt. Unsere FNG-Nachhaltigkeitsprofile schaffen Transparenz für Berater:innen und Kleinanleger:innen. Wir sehen uns im Verband zusammen mit unseren Partnern also als einen „Kanal“, um gut gemachte Finanzprodukte und damit die Risikoexpertise der Anbieter sichtbar zu machen.
Welche Rollen spielen aus Ihrer Sicht transparente Transitionspläne von Finanz- und Industrieunternehmen für Planungssicherheit und erhöhte Wettbewerbsfähigkeit von Finanzinstituten?
Transparente und glaubwürdige Transitionspläne von Unternehmen sind ein zentraler Faktor für Planungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit. Sie ermöglichen es Finanzinstituten, Transformationspfade realistisch zu bewerten und Kapital gezielt in zukunftsfähige Geschäftsmodelle zu lenken.
Transitionspläne sollten allerdings nicht nur auf die CO₂-Emissionen ausgerichtet sein. Biodiversität – also die Vielfalt aller lebenden Organismen, Lebensräume und Ökosysteme auf dem Land, im Süßwasser, in den Ozeanen sowie in der Luft – ist ein eigenständiger und systemischer Risikofaktor für Unternehmen und Finanzinstitutionen. Der Verlust biologischer Vielfalt kann materielle finanzielle Folgen haben, etwa durch Störungen von Lieferketten, Produktivitätseinbußen oder steigende Risiko-Kosten.
Welche Chancen sehen Sie für den Finanzsektor bei innovativen, klimafreundlichen Produkten und Dienstleistungen?
Die Nachhaltigkeitstransformation eröffnet dem Finanzsektor erhebliche Chancen. Der wachsende Bedarf an Investitionen in erneuerbare Energien, klimafreundliche Infrastruktur, nachhaltige Mobilität oder energieeffiziente Gebäude schafft neue Märkte. Konkrete Chancen sind langfristige Renditen und Reputationsgewinne.
Durch den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine haben nachhaltige Anlagen je nach Zeithorizont schlechter als konventionelle Anlagen performt – Gründe sind die gestiegene Nachfrage nach Kohle und Gas sowie der Boom in der Rüstungsindustrie. Studien zeigen aber, dass langfristig die Rendite nachhaltigen Geldanlagen ebenso gut und z.T. besser als die von konventionellen Finanzprodukten ist: Zum Beispiel zeigt eine Metaanalyse von 2.200 Studien aus dem Jahr 2016, dass mehr als 90% dieser ausgewerteten Studien einen mindestens neutralen, in der Mehrzahl sogar einen positiven Einfluss der Berücksichtigung von ESG-Kriterien hinsichtlich des Unternehmens- bzw. Anlageerfolges aufzeigt.
Trotz aller Herausforderungen sieht auch die nachhaltige Finanzbranche die Chancen: im FNG-Marktbericht 2025 gaben rund die Hälfte der befragten an, mit einem Wachstum Nachhaltiger Geldanlagen im nächsten Jahr zu rechnen.
Weiterführende Links:
- Hybride International Sustainable Finance Conference am 9.6. in Frankfurt
- Whitepaper: Innovation und Resilienz: Die Rolle des Finanzsektors in der Nachhaltigkeitstransformation
- Blogbeitrag: Wie Klimarisiken die Versicherbarkeit gefährden
- Blogbeitrag: Der Finanzsektor als Innovationsmotor, Risikopartner und Transitionstreiber
- Blogbeitrag: Innovation und Resilienz: Die Rolle des Finanzsektors in der Nachhaltigkeitstransformation
- Blogbeitrag: Transformation vorantreiben: Was Finanzinstitute von ihren Kunden brauchen
- Blogbeitrag: Die Chancen in der Finanzierung der Transformation aus Bankensicht
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