Von der Sanierungsplanung zur operativen Krisenvorsorge – die EBA schärft den Fokus auf Dry Runs
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Mit ihrem aktuellen Bericht zu Recovery Plans Dry Runs konkretisiert die Europäische Bankenaufsichtsbehörde (EBA) ihre Sicht auf den nächsten Entwicklungsschritt im Recovery Planning.
Im Mittelpunkt steht die Frage, wie belastbar Recovery-Pläne von Instituten tatsächlich sind, wenn ihre Umsetzung unter Krisenbedingungen praktisch getestet wird.
Recovery Planning ist seit Jahren ein zentraler Bestandteil des europäischen Krisenmanagementrahmens unter der BRRD. Ziel ist es, sicherzustellen, dass Institute im Fall einer schweren finanziellen Stresssituation über geeignete Maßnahmen verfügen, um ihre finanzielle Stabilität wiederherzustellen, kritische Funktionen zu schützen und eine Abwicklung zu vermeiden. Aus Sicht der EBA kommt es dabei jedoch nicht allein auf einen methodisch sauberen und formal vollständigen Plan an. Entscheidend ist vielmehr, dass Governance, Entscheidungswege und Sanierungsoptionen im Ernstfall auch operativ umsetzbar sind.
Vor diesem Hintergrund analysiert die EBA in ihrem aktuellen Bericht die Sanierungspläne von 16 europäischen grenzüberschreitend tätigen Bankengruppen aus 10 EU-Mitgliedstaaten. Im Fokus stehen dabei insbesondere die interne Organisation und Verankerung von Dry Runs, also Fragen nach Zuständigkeiten, Planung, Einbindung relevanter Funktionen und Management-Gremien, daneben die Auswahl und Zielsetzung der getesteten Inhalte, die Vorbereitung und Durchführung der Übungen sowie die Dokumentation von Ergebnissen und Lessons Learned. Der Bericht ist nicht als neue verbindliche Vorgabe ausgestaltet, macht aber deutlich, dass die praktische Erprobung von Sanierungsplänen weiter an Bedeutung gewinnt.
Die EBA beschreibt die beobachteten Praktiken entlang von vier zentralen Themenfeldern:
Governance
Ein wesentliches Element ist die organisatorische Einbettung von Dry Runs in die (Sanierungs-) Governance des Instituts. Die EBA stellt fest, dass rund zwei Drittel der untersuchten Institute bereits Dry Runs durchgeführt haben, die Ausgestaltung jedoch sehr unterschiedlich ist. In fortgeschritteneren Ansätzen sind Dry Runs in eine mehrjährige Roadmap eingebettet, werden regelmäßig geplant und von den zuständigen Funktionen strukturiert vorbereitet. Weniger reife Ansätze sind dagegen häufig ad hoc organisiert oder primär durch aufsichtliche Erwartungen motiviert.
Scope
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Festlegung des Übungsgegenstands. Die EBA zeigt, dass Institute vor allem die operative Umsetzbarkeit von Sanierungsoptionen testen, insbesondere im Bereich Liquidität. Ebenfalls häufig Gegenstand von Dry Runs sind Eskalations- und Entscheidungsprozesse nach der Verletzung von Sanierungsindikatoren bzw. Schwellenwerten. Weniger häufig werden Kommunikationsprozesse oder eine umfassende End-to-End-Simulation des gesamten Sanierungsplans erprobt. Die EBA betont daher die Bedeutung eines klar definierten Scopes und einer mehrjährigen Testplanung.
Preparation and Execution
Auch Vorbereitung und Durchführung der Übungen rücken stärker in den Fokus. Dry Runs werden typischerweise durch die für Recovery Planning verantwortliche Funktion organisiert, häufig unter Einbindung weiterer Fachbereiche wie Treasury, Finance, Risk, Communications, Operations oder IT. Aus Sicht der EBA kommt es besonders darauf an, ausreichend Vorbereitungszeit einzuplanen, Rollen und Verantwortlichkeiten klar zuzuweisen und – soweit relevant – auch Tochtergesellschaften und lokale Einheiten einzubinden. In fortgeschrittenen Fällen werden Übungen zudem durch interne oder externe Beobachter begleitet.
Outcomes and Lessons Learned
Besondere Bedeutung misst die EBA der strukturierten Auswertung von Dry Runs zu. Gute Praxis zeigt sich dort, wo Ergebnisse, Schwächen und Verbesserungspotenziale nachvollziehbar dokumentiert und in konkrete Maßnahmen überführt werden. Dazu gehören interne Aktionspläne mit Prioritäten, Verantwortlichkeiten und Zeitplänen ebenso wie die systematische Berücksichtigung von Lessons Learned in nachfolgenden Sanierungsplanungszyklen.
Darüber hinaus hebt die EBA mehrere Elemente hervor, die für die Weiterentwicklung von Recovery Dry Runs besonders relevant sind: die stärkere Einbindung des Senior Managements, die schrittweise Verprobung unterschiedlicher Planbestandteile über mehrere Jahre sowie die bessere Verzahnung mit Resolution- und anderen Krisentestformaten.
Dry Runs und Simulationen dienen aus Sicht der EBA nicht nur dazu, einzelne Sanierungsoptionen zu überprüfen. Sie machen vor allem sichtbar, ob Eskalationswege, Governance-Strukturen, Datenverfügbarkeit und bereichsübergreifende Zusammenarbeit unter Stressbedingungen tatsächlich funktionieren. Gerade hierin liegt ihr Mehrwert für die praktische Operationalisierung des Recovery Plannings.
Zugleich macht der Bericht deutlich, dass der Nutzen von Dry Runs stark vom Reifegrad des jeweiligen Ansatzes abhängt. Wo Übungen lediglich auf die Erfüllung aufsichtlicher Erwartungen ausgerichtet sind, bleiben Erkenntnisgewinn und Weiterentwicklung oft begrenzt. Wo Dry Runs dagegen als echtes Managementinstrument verstanden werden, tragen sie zur Glaubwürdigkeit und Umsetzbarkeit des Sanierungsplans sowie zur allgemeinen Krisenfestigkeit des Instituts bei.
Mit Blick nach vorn hebt die EBA zudem das Potenzial hervor, Synergien zwischen Recovery- und Resolution-Testing stärker zu nutzen. Gemeinsame Annahmen, konsistente Datenanforderungen und abgestimmte Testformate könnten dazu beitragen, Doppelarbeit zu vermeiden und die Kohärenz des europäischen Krisenmanagementrahmens weiter zu stärken.
Was sollten Institute jetzt tun?
Der aktuelle Bericht der EBA enthält keinen neuen verbindlichen Pflichtenkatalog. Er zeigt jedoch deutlich, dass im Recovery Planning die operative Umsetzbarkeit im Krisenfall stärker in den Mittelpunkt rückt.
Institute sollten daher vor allem prüfen,
- ob wesentliche Sanierungsoptionen unter realistischen Stressannahmen tatsächlich umsetzbar sind,
- ob Governance-, Eskalations- und Entscheidungsprozesse auch unter Zeitdruck belastbar funktionieren,
- ob relevante Fachbereiche, Management und gegebenenfalls Tochtergesellschaften ausreichend in die Abläufe eingebunden sind,
- und welche Elemente des Sanierungsplans bislang zwar dokumentiert, operativ aber noch nicht hinreichend getestet wurden.
Entscheidend ist dabei weniger die weitere Ausdifferenzierung der Dokumentation als die Frage, ob bestehende Prozesse, Zuständigkeiten und Sanierungsoptionen im Ernstfall tatsächlich funktionieren. Genau hier setzt die EBA mit ihrem Fokus auf Dry Runs und Lessons Learned an. Der Bericht macht damit einen klaren Entwicklungsschritt im europäischen Recovery Framework sichtbar: Nach Jahren des Aufbaus von Sanierungsplänen rückt nun ihre operative Belastbarkeit stärker in den Mittelpunkt.
Ingesamt ist zu beobachten, dass sowohl in der Sanierungs – wie auch in der Abwicklungsplanung der Fokus der Aufsicht ganz klar Richtung operative Umsetzung im Krisenfall geht (siehe dazu auch unseren Blog).
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